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Die Frage, was Kunst ist und im ausgehenden 20. Jahrhundert noch sein
könnte, bestimmt nicht nur die
zeitgenössische künstlerische Produktion, sondern auch die Praxis der
Kunstinstitutionen, die Kunst
sammeln, erforschen, bewerten und präsentieren.
Die Ausstellung ein|räumen stellt sich dieser Situation.
Sie reagiert auf eine wesentliche Erfahrung im
Umgang mit Kunst im 20. Jahrhundert, darauf, daß zahlreiche Künstler
ihr Interesse in den vergangenen
Jahrzehnten nicht mehr auf die Ausdifferenzierung tradierter Gattungen
legten, sondern nach den
verbleibenden Möglichkeitsbedingungen von Kunst fragten. Zunehmend reflektieren
sie den Kunstbetrieb
selbst, vor allem die Institution Museum. Sie hinterfragen die Praxis
des Ausstellungsbetriebes,
intervenieren und erkunden neue Spielräume.
Seitdem Marcel Duchamp die retinale Kunst verwarf und mit seinen Ready-mades
die Grenzen des
Kunstdiskurses auslotete und erweiterte, gehört es zur künstlerischen
Praxis, das Teilsystem Kunst als
Moment einer gesellschaftlichen und sozialen Wirklichkeit zu begreifen.
Anstatt geschlossene Werke zu
produzieren, haben viele Künstler in den vergangenen Jahrzehnten die
Beziehung von Kunst und ihren
Kontexten untersucht.
Ausgangspunkt für ein|räumen sind Arbeiten der Pioniere
der Institutionskritik, die bereits Eingang in
den Sammlungsbestand der Hamburger Kunsthalle gefunden haben.
ein|räumen erweist ihnen ihre Referenz.
Arbeiten von Marcel Duchamp, George Maciunas, Claes Oldenburg, Ben Vautier,
Gordon Matta-Clark
und Blinky Palermo verweisen auf längst historisch gewordene Positionen
kritischer Interventionen.
ein|räumen erlaubt Rückblicke auf ein Jahrhundert systemkritischer
künstlerischer Arbeit und eröffnet
zugleich den Raum für gegenwärtige Auseinandersetzungen. Zeitgenössische
Künstler reagieren auf die
konkrete Museumspraxis der Hamburger Kunsthalle. Aktionsfeld sind 12.000
Quadratmeter öffentlichen
Raums, die drei Gebäude des Gesamtkomplexes mit ihren historischen Anspielungshorizonten
und ihren
aktuellen Funktionen.
Somit durchkreuzt ein|räumen die heute übliche Museumspraxis:
die Trennung von Sammlung und
Sonderausstellungsbereichen. Sie macht das Museum mit seinen ganz unterschiedlichen
Praxisfeldern
zum Ort einer dialogischen Tätigkeit: einer kritischen Auseinandersetzung
mit den impliziten Regeln der
Institution Kunst und damit verbunden, der Wirklichkeit des Museums.
Die Praxis der Museumsarbeit wird
nicht nur durch die kunsthistorische Forschung bestimmt, sie hängt zugleich
von rechtlichen
Rahmenbedingungen, politischen Interessen, finanziellen und personellen
Möglichkeiten ab.
Zur Disposition stehen somit nicht nur die vier funktionalen Säulen
des Museumsbetriebes, Sammeln,
Bewahren, Erforschen und Vermitteln, sondern auch alle weiteren Aspekte
musealer Arbeit:
Eigentumsverhältnisse und Aneignungsmodalitäten, Sammlungswürdigkeit
und Ausgrenzung, Archiv und
Inventar, Klassifizierungs- und Katalogisierungsweisen, Kanon und Differenzbildungen,
Konservatorik und
Sicherheit, Finanzierung und Verwaltung, Baukörper und Rechtsform, Konstruktions-
und
Dekonstruktionsprinzipien.
Implizite Regeln des Ausstellungsbetriebes werden analysiert, um so
neue Spielräume auszuloten.
Die Frage, was Kunst heute ist, läßt sich in ein|räumen
nur ganz konkret beantworten:
als Auseinandersetzung mit den gegebenen institutionellen Möglichkeitsbedingungen.
Künstler können sich hier auf eine bestehende, historisch besetzte und
gegenwärtig auf eine ganz
bestimmte Weise gestaltete Museumspraxis beziehen und handelnd neue
Spielräume erproben.
Die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von Kunst wird somit nicht
allgemein, sondern ganz konkret
verhandelt.
Künstlerische und kunsthistorische Praxis sind auf diese Weise notwendig
aufeinander bezogen;
sie reflektieren sich gegenseitig und erweitern den Horizont der konkreten
und theoretischen
Museumsarbeit.
Was Kunst ist und noch sein kann, hängt eben nicht nur von den institutionellen
Regelsetzungen ab,
sondern auch davon, wie sie ausgelegt werden.
ein|räumen läßt sich auf dieses Experiment einer erweiterten
musealen Praxis ein.
In enger Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Museumsmitarbeitern werden
Problembereiche
gemeinsam erörtert, Begründungszusammenhänge dialogisch konstruiert
und das
Projekt selbst prozessual entwickelt.
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